Home Krümel Aus dem Nichts
Aus dem Nichts PDF  | Drucken |
Geschrieben von: Stella Leonis   
Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:57 Uhr

Wie hypnotisiert starre ich auf das leere Baltt vor mir. Neben mir höre ich es rascheln und tuscheln, sodass ich kurz meinen Kopf dreh. Meine Tischnachbarin ist emsig dabei eine Schachtel zu falten, hochkonzentriert wirkt sie mit der steilen Denkfalte zwischen den Augenbauen. Einige Momente lang folge ich den bedächtigen Bewegungen ihrer schlanken Finger ehe ich mich wieder meinem quadratischen Stück Papier zuwende. Während ich nach einer Inspiration für mein Papier suche, gehen meine Gedanken ihre eigenen Wege.

Quasi aus dem Nichts formt man komplexe Gebilde und einfache Figuren, einfach in dem man Faltungen hinzufügte, drehte und wendete, zusammenfügte, auseinandernahm und schließlich etwas Fertiges vor sicht hatte. War ich nicht auch so auf die Welt gekommen? Unberührt, ungeprägt, ohne Erfahrung, ohne Vergangenheit? War es nicht, was ich jetzt vor mir hatte? Etwas Unberührtes, etwas mit allen Möglichkeiten der Entwicklung.

Meine Finger befühlen das Papier und scheinen fast schon selbstständig Bergfalten und Talfalten hinzuzufügen. Jeder Tag fügte auch bei mir, meiner Seele, meinem eigenen Blatt Papier eine neue Spur hinzu. Doch weiß ich nicht, wann diese Figur, dieses Gebilde in mir drinnen seine endgültige Form erhalten würde. War dies überhaupt möglich? Konnte ein Mensch 'fertig' sein? Prägte uns nicht jeder Tag etwas mehr bis uns die Prägungen nur einfach nicht mehr auffielen, obwohl sie in unserem Herzen deutliche Spuren hinterließen?

War eine Origami-Figur jemals fertig? Ja. Irgendwann hatte man dem einst unschuldigen Blatt Papier die Form gegeben, die man als Bild im Kopf hatte. Es gab nichts mehr hinzuzufügen, nichts mehr wegzunehmen, Perfektion im Quadrat. War das nicht auch der insgeheime Traum und Antrieb der Menschen: Perfekt zu sein, obwohl man nach außen hin ein anderes Bild vermittelte? Beschäftigten wir uns deswegen mit dem Formen von Papier, um wenigstens so Perfektion zu verbildlichen, während unsere Seele sich immer weiter veränderte und nie den Zustand der Endgültigkeit erreichen würde?

Während sich mein Quadrat allmählich in eine plastische Figur verwandelt, frage ich mich, wie wohl ein Origamigebilde meiner Seele aussehen würde. Komplex? Sicherlich. Doch in welchen Farben würde man es gestalten? Wieviel Faltungen würden nötig sein, wieviele würde noch folgen? Würde es aus verschiedenen Modulen bestehen, für jeden Lebensanschnitt eines? Würde es eine einfach beschreibbare Form sein, oder doch ein abstraktes Kunstwerk? Würde es einen so darstellen, wie man sich selbst sah?

Fragen über Fragen wirbeln durch meinen Kopf, doch obwohl ich bei manchen die Antwort greifbar nah fühle, bleiben anderen ungehört, unbedacht in meinen Gedanken. Würde ich überhaupt auf manche Fragen eine Antwort finden, oder waren manche einfach dazu bestimmt in alle Ewigkeit nur als Frage zu existieren, nie erforscht, nie beantwortet? Mein Blick fällt auf die mittlerweile Figur vor mir: eine Rose, kompliziert und elegant zugleich. Immerhin habe ich auf der Suche nach einer Idee für dieses Blatt eine Inspiration gefunden.

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Gerüchteküche

Zügig

Zugfahrten bieten immer wieder Stoff für Geschichten... Sonnenuntergänge aber auch!

 
Mach mit!

Auf dieser Seite haben auch andere Freizeitautoren Gelegenheit ihre Texte vorzustellen. Solltest Du also wollen, dass auf diese Seite eine Geschichte von Dir stehen soll, schreib mir eine Mail. Aber bedenke: hauptsächtlich gilt diese Seite meiner Präsentation!

 
Neueröffnung

Willkommen auf meiner neu eingerichteten Seite, in meinem neuen Café. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und Genießen!