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Kapitel 1 - Das Erbe PDF  | Drucken |
Geschrieben von: Stella Leonis   
Montag, den 26. Oktober 2009 um 11:22 Uhr

Ihre Finger richteten mechanisch eine Schleife, auf welcher “Du fehlst” stand und die offenbar durch den Wind verdreht worden war. Nicht mehr lange und auch dieses Gesteck würde verschwunden sein. Zurückbleiben würde jener dunkle Erdhaufen mit dem schlichten Holzkreuz darauf.

 

Emilys Augen, überlaufend vor Schmerz und Trauer, ruhten auf dem Namen “Amalia Wolfen”. In Gedanken sah sie wieder die aufgebrochene Erde, in welche der dunkle Sarg herabgelassen wurde. Mit jedem Zentimeter, den der Sarg auf seinem Weg nach unten sank, war ihr der Verlust nur noch deutlicher geworden. Auch jetzt spürte sie die Lücke, die nichts und niemand ersetzen konnte.

 

Und die Tatsache, dass sie in wenigen Stunden beim Notar der Testamentsöffnung beizuwohnen hatte, ließ die Tränen nur noch schneller fließen. Weder wollte sie wissen, was sie erben sollte, noch wollte sie ihre Mutter sehen. Sie wollte alleine sein in ihrem Schmerz, der in ihr wütete. Doch blieb ihr eine Wahl? Aus ihrer Handtasche kramte sie ein Taschentuch hervor und tupfte ihre Wangen und den Hals ab. So, wie Emily sich fühlte, musste sie einen elenden Eindruck machen, doch sie wollte diesen nicht ändern. Sie würde gar nicht die Kraft dazu aufbringen, sich jetzt noch so herzurichten und so zusammenreißen, dass sie den Eindruck einer halbwegs gefassten Person erwecken konnte.

 

Ihr Blick schweifte über den Friedhof, der um diese Zeit wie verlassen da lag. Wie lange mochte sie schon hier gesessen haben? Eine Stunde? Zwei? Seit der Nachricht über den Tod ihrer Tante hatte sie jegliches Zeitgefühl eingebüßt. Mit einer langsamen Bewegung und zusammengepressten Lippen erhob Emily sich, strich sich das Haar aus dem Gesicht und kehrte dem frischen Grab den Rücken.

 

Emily hatte sich in dem Büro nur kurz umgesehen, doch insgesamt wirkte es genauso elegant und zeitlos wie es von einem Notar in der Regel erwartet wurde. Dunkelbraune Möbel standen im Büro, offenbar im Bemühen Funktionalität und Geschmack miteinander zu verbinden. Der Boden, ein heller Teppich, wies keinerlei Spuren des Gebrauchs auf. Entweder nutze der Notar dieses Büro nur zu dem Zweck Leute zu empfangen oder aber er hatte eine sehr gute Reinigungsfirma beauftragt. Letzte Möglichkeit war natürlich, dass er schlicht und einfach den Teppich vor kurzem erst hatte legen lassen.

Neben ihr saß ihre Mutter, die Haare zu einem Knoten gefasst, die Hände im Schoß ruhend, ihr ewiges dunkles Kostüm tragend. Hatte ihre Mutter je ein anderes Kostüm getragen zu Anlässen wie Theater, Restaurantbesuche oder Beisetzungen? Sie konnte sich nicht erinnern, vielleicht weil sie es nicht wollte, vielleicht auch weil im Moment das Letzte um was sie sich scherte das Kostüm ihrer Mutter war und ob sie es immer trug oder nicht.

Um nicht in die Verlegenheit eines Gespräches zu kommen blickte Emily aus dem Fenster hinter dem Schreibtisch. Viel zu sehen war nicht, abgesehen von einer Straße und einer Häuserzeile, sowie Menschen, die eilig umherliefen auf dem Weg zu ihrem nächsten Termin oder ihrer nächsten Aufgabe. Hoffentlich war es bald vorbei, hoffentlich war sie bald wieder hier raus, hoffentlich konnte sie sich bald wieder unter jene Anonymität des Umherirrens mischen, um darin zu verschwinden.

 

Die Tür öffnete sich begleitet von einem leichten Flattern der Blätter, die im Raum lagen. Ein Mann eher gehobenen Alters trat herein, in einem perfekt sitzenden anthrazitfarbenen Anzug, der vermutlich farblich auf sein silbriges Haar abgestimmt worden war. Seinen Namen hatte Emily verdrängt, er war ihr nicht wichtig genug erschienen, um ihn zu behalten.

 

"Guten Tag. Schön, dass Sie beide heute erscheinen konnten."

 

Beide Frauen nickten, doch ansonsten blieb es still. Keine von ihnen wusste so recht, wie sich verhalten sollte . Der Notar räusperte sich kurz um das eingetretene Schweigen zu überbrücken, ehe er schließlich zum Grund ihres Erscheinens kam: dem Testament der Amalia Wolfen.

 

Mit zitternden Händen saß Emily später in ihrem kleinen Wagen und starrte durch die Windschutzscheibe auf das parkende Auto vor sich. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken und immer wieder fragte sie sich, ob sie nicht einfach nur träumte. Doch ihr Herz schlug hart pochend in ihrer Brust, so dass es schon schmerzhaft war. Sie träumte nicht. So sehr sie sich wünschte, dass sie die letzten Wochen geträumt hatte, so sehr war ihr auch bewusst, dass es doch grausame Realität war. Genau wie die eben erfahrene Tatsache, dass sie nun Besitzerin einer Villa war und somit eines Ortes, den sie seit dem Tod ihrer Tante mit Bedacht gemieden hatte. Nun würde sie nicht mehr drum herum kommen sich der Vergangenheit zu stellen.

Emily drehte den Zündschlüssel um und war wenige Momente später im Berufsverkehr verschwunden.

 

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